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[ Von einer digitalen Zugfahrt... ]
Mittlerweile spielt der FSV Fußball, den man auch so nennen kann. Das Stadion ist solide und wird über die Jahre hoffentlich noch mehr wie ein Zuhause. Es ist nicht mehr zu befürchten, dass Vereine wie Motor Süd am FSV im Kampf um die Vorherrschaft im Lande Westsachsens vorbeiziehen und auf der MV gibt’s sogar Zahlen und PowerPoint-Präsentationen. Auch wenn sie nur von den Wenigsten verstanden werden, die meisten glauben sie. Generell wirkt der Verein ruhig und konzentriert, nicht mehr vergleichbar mit Zeiten, als jeder interne Tratsch am nächsten Tag in der MoPo stand. Aber eins fehlt dem FSV noch: eine Identität.

Die Zahlen- & Marketingmenschen im Verein suchen schon lange danach. Vermutlich mehr aus finanziellen Gründen als es den meisten Fans lieb ist. Aber die Identität und Geschichte eines emotional überladenen Vereins bastelst du dir eben nicht so schnell wie für eine x-beliebige Marke des nächsten superwichtigen Produkts. Und noch etwas fehlt dem FSV, ihr ahnt es: das Geld.

Mit dem Beginn von Corona war, wie überall, die Angst vorm finanziellen Kollaps plötzlich groß und eine Lösung musste her. Schnell landen die fragenden Gesichter dann bei uns und schnell stellt man sich dann die Frage: Mal wieder Bock auf Selbstausbeutung? Klar, wir opfern gern Zeit, Nerven und Geld für unser Ultradasein und dazu gehört auch der Verein. Aber wenn wir nun eine große, möglichst kreative und natürlich erfolgreiche Aktion ins Leben rufen sollen, ist das Arbeit, die von Außenstehenden nur schwer einzuschätzen ist. Ein Unternehmen sucht dafür normalerweise Lohnabhängige fürs Marketing, Kampagnenleiter, Recherchierende und Medienexperten und am Ende kannst du froh sein, wenn die PR nicht völlig in die Hose geht und noch ein paar Euros übrigbleiben. Ihr könnt euch die Gedanken selbst fertig denken, aber sie sind mir wichtig, weil sie gern von Neunmalklugen, Nixmachenden, Konsumierenden, Pyrostrafenhyperventilierenden & Co. vergessen werden, wenn die Ultras bald wieder am Pranger stehen. Schnell wurden aber die Schultern gezuckt und angepackt.

Wer von euch hat schon die FSV-Chronik durchgelesen? Eben. Als Basis ganz cool, aber furztrocken und mit Vereinslegende Jan Kociak als Coverboy sogar verstörend. Wie gut kennen wir unsere Vereinsgeschichte, fernab von Glasgow und 2. Liga? Eben. Alle reden von Tradition und "mein Verein", doch oft dient ein Fußballverein nur als Hülle, um sich selbst damit zu definieren und wenn möglich in ein besseres Licht zu stellen. Das ist so ähnlich, als würden Menschen einen fanatischen Eifer wegen irgendwelcher "Dichter und Denker" entwickeln und sich einer besonders edlen, künstlichen Menschengruppe zugehörig fabulieren. Ist es nicht spannender, die Märchen von der geradlinigen, auf Erfolgen basierenden und verkürzten Geschichte aufzubrechen und damit auch viel greifbarer & glaubhafter für alle zu machen?

Dank Videokonferenzen wurde die Organisation der Zugfahrt überhaupt erst möglich. Anfangs noch breit besprochen für die Ideenfindung, wurden es letztlich fast tägliche Gespräche kleiner Gruppen. Irgendwo ein Spagat zwischen chaotischen, idealistischen Fans, die einfach nach Gefühl etwas rausrotzen und besoffen Zughörspiele aufnehmen, und klaren & professionellen Strukturen, seien es Videoclips, Planung oder unangenehmen Überlegungen, wie man doch noch mehr Geld rausholen kann, ohne sich zu verraten.

Letztlich haben wir es ausgerechnet in der Coronazeit geschafft, das Vereinsleben anzukurbeln. Kontakte zwischen verschiedenen Fangruppen und allen Ebenen des Vereins mit viel Vertrauen und Nähe wurden intensiviert. So wünscht man sich doch einen Verein. Da rufst du auf der Geschäftsstelle an mit einer super Idee, aber die kämpften gerade mit dem DFB und du steckst deine gewagte Aktion doch wieder in die Tasche, um nicht noch mehr Stress zu erzeugen. Wie es Jörg bei der Runde im Stadionturm sagt, auch RK ist älter und weiser geworden. Vielleicht. Und dann freust du dich stattdessen, dass auf der FSV-Homepage Fans in Unterhose im Duisburg-Sonderzug sitzen, drunter steht "Kippen aus ihr Assis" und ein paar Wochen später stehen da oberkörperfreie Spieler auf dem Bus mit Fackeln in der Hand. Bei welchem anderen Profiverein läuft das denn noch so? Hier bewegt sich gerade einiges in die richtige Richtung und das schafft eine viel kräftigere Bindung an den Verein als irgendeine Pseudomarke mit #Schwäneabo, #junge Störche und #Haubentauchernest. Der FSV ist kein NHL-Club mit lustigen Tiermaskottchen. Der FSV lebt durch seine Fans, seiner verrußten Geschichte, dreckiger Spielweise, um aus wenig viel zu machen.

Offensichtlich bei der ganzen Aktion wurde letztlich, wie viel noch brachliegt. Viele alte Spieler sind teils völlig vergessen, vor allem die ältere Fangeschichte des Zwickauer Anhangs ist kaum dokumentiert. Der FSV besitzt fast nichts Materielles aus seiner Geschichte und es ist generell völlig unklar, was noch wo existiert. Und wenn du zu den Armen gehörst, die sich der Sache nun annehmen, brauchst du ein dickes Fell. Manche Fans oder Spieler finden immer einen Grund, warum sie irgendwann mal schlecht behandelt wurden und jetzt hindert sie ihr Ego, etwas Neues mit aufzubauen. In der tristen Oberligazeit im Wesa verstanden wir es oft, uns selbst Highlights zu setzen, da diese vom Feld nicht zu erwarten waren und der Verein eher Slapstick war. Und auch heute sollten wir uns fokussieren, unsere Highlights mitzugestalten. Das kann der rausgekramte Celtic-Fan von ’76 sein, aber genauso gut die Fankultur zu DDR-Zeiten oder das Dokumentieren unserer jüngsten Geschichte. Hoffentlich bleibt die Sonderzugaktion weiter in Bewegung und es werden auch andere Personen aus dem Verein und der Fanszene aktiv.

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25.09.20


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