Das Spiel gegen Dresden-Nord stand unter besonderen Vorzeichen. Es sollte das letzte in unserem Westsachsenstadion,
in unserem Block werden. 14 Jahre war der E-Block unsere Heimat. In diesen 14 Jahren hat sich dieser Sektor zu einer wahren
Institution des Zwickauer Fußballs entwickelt. Unsere Herzen kleben an diesem Fleck. Dort haben wir alle Höhen und Tiefen miterlebt,
den Werdegang unseres FSV aktiv mitgestaltet und dem Zwickauer Fußball ein unverwechselbares Gesicht gegeben. So verabschiedeten wir
uns von diesem Ort auch am Vorabend des Spieles mit einer großangelegten Feier im Westsachsenstadion. Mit der unnötigen aber durch das
Präsidium gewollten Schließung am vergangen Sonntag wurde ein vorerst trauriger Schlusspunkt in der Geschichte des Westsachsenstadions
gesetzt.
Die Fakten.
80 Fans und Ultras feierten bis in die Morgenstunden, manche zelteten sogar im Anschluss. Eigentlich nichts Besonderes. Die Aktion war
mit dem Präsidium des FSV abgesprochen und stellt auch ansonsten nichts Außergewöhnliches dar, da es nun mal unsere Heimat ist, wir
regelmäßig ein und aus gehen. Das Präsidium selbst weilte auch für einige Zeit bei unserer Feierlichkeit, ebenso schaute das Ordnungsamt
kurz vorbei, ermahnte uns aber lediglich, die Musik ein wenig leiser zu stellen und hatte ansonsten keinerlei Grund zur Beanstandung.
Am Sonntagmorgen betraten die Verantwortlichen des Vereines den Rasen des Stadions. Der Zustand des Blockes und des Hintertorbereiches war
anfangs sicherlich nicht in erstrebenswertem Zustand, lag aber nicht über dem im Westsachsenstadion üblichen Verschmutzungsgrad, welcher
immer vorherrscht. Von unserer Seite wurde den Anweisungen Folge geleistet und wie gefordert aller Müll beseitigt. Hierbei handelte es
sich hauptsächlich um leere Bierdosen, da auf Glasflaschen während der Feier komplett verzichtet wurde. Zwischenzeitlich gab auch
Sicherheitschef Rene Richter grünes Licht unter der Bedingung, die unterhalb des Blockes gelagerten Gegenstände (Boxen, Lautsprecher)
mit einer Plane abzudecken. Auch dem kamen wir innerhalb weniger Minuten nach. Damit war die Sache durch und für uns aus der Welt geschafft.
Bis hierhin ein Vorgang, der vor allem in Bezug auf die kurzen Kommunikationswege nichts besonderes darstellt und den sonst herrschenden
Umgang miteinander treffend beschreibt. Vielleicht war es ein Fehler von beiden Seiten keinen festen zeitlichen Rahmen für die Räumung der
Fläche gesteckt zu haben. Doch auch diesen Umstand hätten wir mit Sicherheit in der Folgewoche bei einem Gespräch in der Geschäftsstelle
aus der Welt geschafft und bereinigt.
Die Polizei bat uns daraufhin aus dem Stadion zu gehen und kontrollierte alle noch im Block befindlichen Gegenstände wie Rucksäcke
und 2-3 Schlafsäcke genau. Dabei wurden tatsächlich eine Sturmhaube und leere Bierflaschen, die in einem Müllbeutel gelagert waren,
gefunden. Natürlich war dieser Fakt nicht optimal und hätte von uns vorher aus der Welt geschafft werden sollen, dennoch stellt dies
aber auch keine große Sache dar. Der Block war soweit komplett durchkontrolliert und sauber. Anderweitige Behauptungen stellen eine Lüge
dar. Ebenfalls sämtliche Vermutungen, dass in den Rucksäcken Pyroartikel gelagert wären. Hätten wir wirklich den Versuch unternehmen
wollen, nämlich nicht erlaubte Gegenstände ins Stadion zu schmuggeln, würden wir sie wohl kaum bereits zwei Stunden vorher in einem
Rucksack verstauen und diesen in einen verwaisten Block legen. Ebenso abwegig die Behauptung, die Glasflaschen sollten als Wurfgeschosse
eingesetzt werden. Wieviel Unrat, von Eisenstangen, über Holzplanken bis Gesteinsbrocken liegen griffbereit neben unserem Block? Wann und
wie oft flogen in den letzten Jahren solche Gegenstände aufs Spielfeld? Wir erinnern uns, es war das allerletzte Spiel in unserem
Westsachsenstadion. Ein Spiel ohne Potential zur Pöbelei oder um unnötigen Stress zu suchen, sondern einfach nur um uns würdig aus
unserem Block und Stadion zu verabschieden.
Aber ganz im Gegenteil begann dann die Gerüchteküche zu brodeln, unter Spielern hieß es, die Polizei habe Pyrotechnik gefunden
und das Spiel stand auf der Kippe, was aber zu keinem Zeitpunkt der Fall war. Als Nächstes erhielten wir via Telefon vom Mitarbeiter
des Fanprojektes Michael Voigt die Information, dass Präsidiumsmitglied Gerhard Neef sagte, dass der E-Block geschlossen bleibt. Wir
verstanden daraufhin die Welt nicht mehr und nutzten die kurzen Wege im Verein und teilten Neef mit, dass diese Maßnahme die höchste
Stufe der Repression sei, dass wir um einen Höhepunkt unseres Lebens beraubt werden und unter diesem Umstand die bisher erfolgreiche
Zusammenarbeit von unserer Seite in Frage gestellt werden muss. Herr Neef ging nicht auf diese Umstände ein und teilte uns mit, dass
ihn das gänzlich nicht berühre. Neef nutzte ebenfalls nicht den kurzen Weg über das Mitglied unserer Gruppe und noch damaliges
Präsidiumsmitglied Lange, sondern entschied bewusst allein.
Der Tag und unsere besondere Verabschiedung, mit einigen aufwendig geplanten optischen Aktionen, war somit für uns gelaufen und die
Emotionen kochten hoch. Daran änderte auch der Fakt nichts mehr, dass Fanprojektvorstand Thomas Richter uns wenige Minuten vor Spielbeginn
ein Angebot der Polizei unterbreitete, nachdem wir mit 10 Leuten noch unseren Block hätten herrichten sollen, obwohl dieser doch
bereits aufgeräumt und komplett kontrolliert war. Eine Farce. Der Drops war gelutscht. Wir harrten zunächst mit über 100 Leuten vor
dem Stadioneingang aus, bevor wir uns entschlossen für unseren Block zu kämpfen. Unser erster Weg führte uns deshalb in Richtung E-Block,
den wir auch erreichten, ehe wir dort unter Anwendung von Gewalt von der Polizei vertrieben wurden.
Bei unserer Reaktion agierten wir bewusst nicht vermummt und OHNE jegliche Gewaltanwendung. Wir wollten keine Randale. Wir wollten einfach
nur in unseren E-Block. Die Berichterstattung ist in dieser Hinsicht einfach völlig abstrus. Es wurde nichts beschädigt und wir gingen
auch niemanden an. Nachdem wir freiwillig das Spielfeld verließen, hätte das Spiel problemlos weitergeführt werden können. Die
Begriffe „Randale“, „Krawalle“ oder „Chaoten“ gehen völlig an der Realität vorbei. Wir konnten nicht mehr tolerieren, dass etwas für uns
derart Elementares mit Füßen getreten wird. Wir haben demonstriert, dass wir uns nicht einfach aus persönlichen Befindlichkeiten unseren
Block und dieses Spiel nehmen lassen. Wir haben demonstriert was das alles für uns bedeutet. Dazu wurden bewusst Grenzen überschritten.
Mit einer Radikalität, die uns innewohnt. Genau mit der gleichen Radikalität, ohne die wir vor über einem Jahr auch nie die Rettung
unseres FSV Zwickau hätten anschieben können.
Es wurde uns DAS Spiel geraubt. Das Spiel, für welches wir selbst in Zusammenarbeit mit dem Präsidium massiv geworben haben und dafür
sorgten, dass knapp 1500 Leute überhaupt den Weg in die Geinitzstraße fanden. Das Spiel, was wir gemeinsam zu einem großen Ereignis
machen wollten. Wir wollten unser Westsachsenstadion gebührend verabschieden. Es waren und sind die Momente, die das Vereinsleben und
Fandasein bei unserem FSV Zwickau ausmachen. Dies wäre für uns ebenfalls ein großer Moment gewesen.
Uns ist ebenfalls bewusst, dass ein Platzsturm finanzielle Strafen für unseren Verein nach sich zieht. Diese ist jedoch im Verhältnis
zu der Unverhältnismäßigkeit, die durch das Präsidium unseres FSV zu verantworten ist, geradezu marginal. Die Mannschaft wird dadurch
nicht besser oder noch schlechter spielen, und der Verein wird dadurch auch nicht untergehen, allein schon deshalb, weil es eben eine
Fanszene gibt. Fans und Ultras, eine aktive Fanszene kostet nun mal auch Geld. Fans sind nicht nur dafür da, sie bis zum letzten Cent
auszuquetschen, sie bei unliebsamen Arbeiten in die Pflicht zu nehmen und nur die angenehmen finanziellen Sonnenseiten mitzunehmen. Wie
bei Allem gibt es auch hier eine zweite Seite der Medaille, und solange die Verbände Fankultur, zum Beispiel Pyrotechnik, sanktionieren,
werden die Verantwortlichen das hinnehmen müssen. Ein gesunder kritischer Geist und der Hang zu angebrachtem zivilen Ungehorsam wohnt
jeder Gesellschaft und erst recht jeder kritischen Fanszene inne. Beim FSV Zwickau wie bei jedem anderen Verein.
In diesem Atemzug bedanken wir uns auch bei dem Großteil des Stadionpublikums für die entgegengebrachte Solidarität und das Verständnis.
Kritisch zu hinterfragen ist auch die Rolle der 95 eingesetzten Polizisten. Warum überhaupt für ein unspektakuläres Fünftligaspiel mit
5 Gästefans knapp 100 Beamte im Einsatz sein müssen, erschließt sich uns nicht. Probleme konnten diese jedenfalls nicht lösen, im Gegenteil,
durch Provokation wurden scheinbar bewusst welche geschafft und die angespannte Situation im Vorfeld verschärft. Es darf die Frage gestellt
werden, ob es ohne Polizei nicht ein ganz normales und ruhig verlaufendes Spiel geworden wäre. Die enorme Polizeipräsenz zieht sich leider
wie ein roter Faden durch die letzten Spieltage. Monströse Aufgebote, trotz nur 474 zahlender Zuschauer gegen den VfL Halle 96, stehen
analog zum immer größer werdenden Sicherheitswahn sämtlicher Funktionäre. Die Angst vor dem Einsatz von Pyrotechnik oder anderen
Zwischenfällen lähmt offensichtlich den gesunden Menschenverstand. Obwohl seit Monaten ein intensiver Dialog zwischen allen Gruppen,
Institutionen und einzelnen Entscheidungsträgern im Verein stattfindet, werden weiterhin Freiräume rigoros beschnitten. Dies wiederum
geht völlig konträr zur derzeitigen Besucherfrequenz im Westsachsenstadion. Obwohl nur meist 200-300 Zuschauer mehr kommen, als beim
Kreisligisten um die Ecke, werden Sicherheitsstandards aufgefahren, die jeglicher Grundlage entbehren. Eine Begegnung auf gleicher
Augenhöhe, nämlich geprägt von Respekt und Vertrauen findet dadurch de facto nicht mehr statt. Im Gegenteil, Vertrauen wird uns seitens
des Präsidiums nur dann entgegengebracht, wenn wir für sie einen Nutzen haben. Andernfalls (siehe besagter Sonntag), wird pauschal
verurteilt oder direkt etwaige Unterstellungen getätigt.
Im Nachgang sind wir maßlos enttäuscht über alle Äußerungen die getroffen wurden. Natürlich, können Verantwortungsträger einen Platzsturm
nicht gutheißen. Doch Aussagen über „sogenannte Fans“ oder „einem Krankheitskeim, von dem der FSV schon lange infiziert ist“ lassen an
gesundem Menschenverstand zweifeln. Denn diese Passagen stammen von denselben Herrschaften, die uns nur wenige Tage zuvor Honig um den
Mund schmieren wollten, damit wir dem Verein bares Geld bringen. „Wir brauchen Leute die anpacken, keine die alles besser wissen“, warb
Neef für den Umzug der Stahlrohrtribünen in den Sojus. Mit unserer Hilfe sollten 50.000€ der Stadtgelder durch Spendenrückflüsse der am
Umbau beteiligten Firmen dem FSV zu Gute kommen. Natürlich finden wir diese Aktion richtig für den Verein. Es ist nur fraglich, ob die
an diesen, an Veruntreuung öffentlicher Gelder grenzenden Maßnahmen, beteiligten Personen befugt sind, uns über Sitte, Moral und Gesetz
aufklären zu müssen.
Bezeichnend, dass auch gerade Neef uns in der Vergangenheit bat, immer das ehrliche Gespräch zu suchen, sofern wir etwas zu kritisieren
haben – bevor wir etwas übers Knie brechen. Leider hat genau er diese Regel gebrochen. Wir haben in den vergangenen Monaten immer
Rücksicht genommen auf die Befindlichkeiten, haben immer die Füße stillgehalten, auch bei Entscheidungen und Äußerungen des Präsidiums,
die uns schwer im Magen lagen und normalerweise einen Sturm der Entrüstung hätten nach sich ziehen sollen. Wir haben vielfach auf
Pyrotechnik verzichtet und uns versucht in die Lage der Entscheidungsträger hineinzuversetzen. Wir haben diese Regeln immer beherzigt.
Es ist eine Schande, nun miterleben zu müssen wie unsere Anstrengungen dem Verein zur Seite zu stehen und bei jeder Gelegenheit unter die
Arme zu greifen nun über Nacht nichtig werden. Wir könnten seitenlang aufzählen, welch Herzblut seit 14 Jahren in den Verein fließt, welche
Aufgaben durch uns ausgeführt werden, aber das wäre nicht unsere Art. Wir wollen auch keine scheinheilige Dankbarkeit von Opportunisten.
Aber wir wollen endlich Respekt. Respekt für das, was wir sind, was wir darstellen und was wir unserem Verein geben.
Leid tut uns gewissermaßen, dass die Geschehnisse des Sonntags die wahre Schmach des Vereines in den Hintergrund drängen: das sportliche
Versagen. In der schwächsten Oberliga seit Jahren, spielt unsere, mit namhaften Spielern gespickte Mannschaft ohne Leidenschaft um die
goldene Ananas. Kein anderer Fakt, wirkt so fatal auf die Außendarstellung des Vereines wie diese Misere. Die Mannschaft spielte dem
Verein die Tribünen und damit auch die Kassen leer. In unserem Block kamen trotz alledem immer 100 Fans und Ultras zusammen, die hinter
ihrem Verein standen und auch Rücksicht nahmen, hinsichtlich des öffentlichen Kritisierens der Missstände.
Eine Absurdität, dass sich Vertreter der Mannschaft wie Kapitän Maik Baumann nun als Moralapostel uns gegenüber aufspielen wollen. Wir
können und wollen das nicht ernst nehmen. Wie schon in all den Jahren zuvor, werden wir Ultras und die restliche organisierte Fanszene
das Rückgrat des Vereins bilden, ganz gleich welche Spieler oder Verantwortlichen die Geschicke lenken.
Die seit einem Jahr erzielten Erfolge des Vereines in der Struktur, im Nachwuchs und im Finanziellen würden ohne unser aktives Zutun
nicht existieren, der FSV würde nicht mehr existieren. Wir sind seit Jahren aktive Vereinsmitglieder und stehen deshalb auch in der
Zukunft weiter an seiner Seite. Ungeachtet aller mahnenden Stimmen der Gutmenschen. Wir werden den Weg der Ultras alten Stils weitergehen.
Wir werden uns weiter und intensiver für den Verein engagieren, denn: Der FSV ist unser Leben!
RED KAOS 1997 ZWICKAU
Polizei durchsucht Schlafsäcke und Zelte
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